N A C H R I C H T E N
26.01.2000 Der Liebe bitt'res Weh: Nur die Zeit heilt die Wunden der VerlassenenHamburg (dpa / MEDI-Report) - In der Nacht wälzt sich Hans B. schlaflos in den Kissen. Tagsüber wirkt er abwesend, abweisend, unkonzentriert. Tiefer Schmerz wühlt in seinem Inneren. Kein Arzt der Welt kann seine Wunden heilen. Das schafft nur die Zeit. Der 41-Jährige ist schwer krank. Er durchlebt - so wie Millionen Menschen in aller Welt und zur selben Zeit - eine schwere Leidensphase: Hans hat Liebeskummer.
"Nie hat auf den sich wahrer Schmerz ergossen, der nicht gefühlt der Liebe bitt'res Weh", wusste schon der italienische Dichter Dante Alighieri im 13. Jahrhundert. Liebesschmerz kann tatsächlich zur existenziellen Bedrohung werden, warnt Prof. Ulrich Mees, Psychologe an der Universität Oldenburg. Unerwiderte Liebe oder der Verlust des Partners ist nach seiner Aussage die häufigste Ursache für Selbstmord bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Und dennoch werde das Leiden allzu oft nach dem Motto "Die Zeit heilt alle Wunden" als alltäglich abgetan.
"Liebeskummer lohnt sich nicht, my Darling" sang einst die Schlagersängerin Wencke Myhre. Doch mit der Realität hat der fröhliche Song wenig zu tun. "Der Verlassene fühlt sich tief gedemütigt und beschämt", weiß Mees aus der psychologischen Forschung. Und der Zurückweisende oder Verlassende hat mit Schuldgefühlen zu kämpfen. Ihm wird der "Schwarze Peter" zugeschoben, während sich der unglücklich Liebende - auch in unzähligen Werken der Literatur - des Mitleids der Gesellschaft sicher sein kann. Doch das nützt ihm zunächst recht wenig.
Wer Liebeskummer hat, durchläuft zumeist vier Phasen der Trauer, sagt die Psychologin Eva Neumann von der Ruhr-Universität Bochum. Zunächst bricht eine Zeit des Nicht-Wahrhaben-Wollens an, verlassen worden zu sein. Denn die meisten Beziehungen werden einseitig beendet. Und der, der gehen will, bereitet sich insgeheim darauf vor, während der andere zunächst überrumpelt wird.
Erst danach beginnt die "unangenehmste" Etappe auf dem Weg zu neuem Glück: Dann nämlich brechen starke Gefühle über den Leidenden herein - Trauer, Verzweiflung, Wut, Depressionen und das Gefühl der Hilflosigkeit. Männer, so Neumann, stürzen sich dann gern in die Arbeit oder betäuben ihren Schmerz mit Alkohol. Frauen greifen eher zu Medikamenten oder plündern den Kühlschrank.
Wenn diese Phase ausgestanden ist, beginnt die Verarbeitung. "Schmerz, der nicht spricht, erstickt das volle Herz und macht es brechen", lesen wir bei William Shakespeare. So sucht der Liebeskranke bald das Gespräch mit Freunden und stürzt sich vielleicht in sexuelle Abenteuer, ohne jedoch schon für eine neue Partnerschaft bereit zu sein. Erst in der letzten Phase kommt die endgültige Loslösung vom ehemaligen Objekt der Begierde. Das alles braucht Zeit. Nach dem Bruch längerer Beziehungen benötigen die Leidenden nach Neumanns Erfahrungen bis zu drei Jahre, um mit der tiefen Verletzung fertig zu werden.
"Unter Liebeskummer haben Männer genauso zu leiden wie Frauen", sagt sie. In der Verarbeitung gibt es gleichwohl Unterschiede: Nur jeder dritte liebesleidende Mann vertraut sich mit seinem Kummer anderen an, erklärt Mees. Von den Frauen hingegen suchen 90 Prozent Trost bei Freundinnen. Frauen fällt es offensichtlich leichter, sich den Schmerz von der Seele zu reden, während sich Männer in ihrer Identität als Eroberer bedroht fühlen. Sie erleben den Liebeskummer daher auch als "peinliche Schwäche".
Alle Ablenkungsmanöver - sei es Sport, Sex oder Suchtmittel - helfen nur auf kurze Zeit, meint der Psychologe. Am besten eignen sich aus seiner Sicht Gespräche mit anderen, um die Krise zu überwinden: "Denn die muss man durchleben." Und ein Gutes wenigstens hat diese harte Zeit, tröstet Mees: "Man reift." |