N A C H R I C H T E N

17.01.2000

Auch Ärzte sind lernfähig: U.S.-Mediziner fordern mehr Transparenz

Stuttgart (MEDI-Report) - "Medical errors kill almost 100.000 Americans a year" - so überschrieb das * British Medical Journal vom 11. Dezember 1999 (BMJ 1999, Bd. 319, Heft 7224, S.1519) die Mitteilung über den Untersuchungsbericht einer Expertengruppe des Medizinischen Instituts der "National Academy of Sciences" (NAS): Bis zu 98.000 Menschen sterben in den U.S.A. in jedem Jahr an medizinischen Behandlungs- und Organisationsfehlern.

Die medizinischen Fehler erstrecken sich von der Verschreibung falscher Medikamente oder Therapien bis hin zu verpfuschten oder falschen Operationen. Auch unleserliche Handschriften der Ärzte würden wiederholt dazu führen, dass in Apotheken falsche, für den Patienten dann tödliche Arzneien ausgegeben werden.

Das BMJ berichtete beispielsweise am 4. Dezember 1999 (Bd. 319, Heft 7223, S.1456) über das Urteil eines texanischen Gerichtes, das der Familie eines aufgrund eines unleserlichen Rezeptes vom Apotheker falsch versorgten und einige Tage später gestorbenen Patienten 450.000 US-Dollar Schmerzensgeld zusprach, je hälftig zu zahlen vom rezeptierenden Arzt und vom ausgebenden Apotheker. Der Kardiologe Dr. Ramachandra Kolluru verschrieb gegen Angina pectoris 20 mg Isordil® (Isosorbiddinitrat), das alle sechs Stunden eingenommen werden sollte. Aufgrund der Unleserlichkeit des Rezeptes verabreichte der Apotheker dieselbe Dosis Plendil® (Felodipin), einen Kalziumantagonisten, der zur Behandlung des Bluthochdrucks verwendet wird und dessen maximale Tagesdosis nur 10 mg beträgt. Einen Tag nach der Einnahme der Felodipin-Überdosierung erlitt der Patient einen Herzinfarkt und starb einige Tage später. Alleiniger Grund für das Urteil war nicht die Behandlungsqualität von Dr. Kolluru, sondern sein unleserliches Rezept.

So sterben jährlich Tausende Patienten durch medizinische Fehler, was in den Vereinigten Staaten seit Jahren zu einer kaum mehr zu bewältigenden Flut von Anzeigen im Gesundheitsbereich führt. Die 19-köpfige Untersuchungskommission sieht das Sicherheitsbewusstsein im amerikanischen Gesundheitssystem als weit weniger entwickelt an als in anderen Wirtschaftszweigen, deren Bestreben nach Fehlervermeidung sich auch durch Zahlen belegen lässt: Die tödlichen Arbeitsunfälle beispielsweise nehmen kontinuierlich ab.

Die Untersuchung belegt, dass es weniger die spektakulären Fehler nach dem Schema sind "Chirurg amputiert falsches Bein", die diese tödliche Bilanz verursachen, sondern dass Fehler vielmehr dann gehäuft auftreten, wenn in die Behandlung viele Menschen einbezogen sind. In den USA wird die Ursache der hohen Zahl von Behandlungsfehlern darin gesehen, in einem immer komplexer werdenden Gesundheitssystem versäumt zu haben, die Wege des Informationsaustauschs den veränderten Anforderungen anzupassen.

Zur raschen Verbesserung empfiehlt die Expertenkommission der NAS daher zwei wesentliche Maßnahmen vor:  Zum einen soll für 100 Millionen US-Dollar eine Bundesbehörde für Patientensicherheit (Federal Centre for Patient Safety) eingerichtet werden, die alle in den USA bekannt gewordenen Berichte über Behandlungsfehler sammelt und auswertet. Dieses nationale Zentrum für Patientensicherheit soll das Gesundheitssystem analysieren, Vorsorgemaßnahmen entwickeln und entsprechende Veränderungen vornehmen. Die Rückschlüsse auf bestimmte Fehlerquellen könnten dann zu geeigneten Schulungen für das medizinische Personal oder zu einer strukturellen Änderung des Systems führen, wenn die Fehler auf organisatorischen Mängeln beruhen.

Zum anderen schlägt die Untersuchungskommission einen Wandel in der juristischen Bewertung vor. Bisher kann jeder Behandlungsfehler unabhängig davon, ob ein Schaden aus ihm folgt oder nicht, strafrechtlich verfolgt werden. Zukünftig sollten die folgenlosen Irrtümer nicht mehr justiziabel sein, so dass es den Ärzten erleichtert wird, einen eigenen Behandlungsfehler zu melden. Präsident Bill Clinton kündigte bereits an, die Empfehlungen umsetzen zu wollen.

Inzwischen werden die Stimmen lauter, die einen radikalen Schritt zu größerer Transparenz in der Medizin fordern. In einem Artikel in der New York Times vom 5. Dezember 1999, der den Titel trug "Do No Harm - Breaking Down Medicine's Culture of Silence", schrieb Lucian Leape, Professor für Gesundheitspolitik an der Harvard Universität und Mitglied der Expertengruppe des Medizinischen Institutes der NAS: "Physicians are taught that it's your job not to make a mistake. It's like a sin. The whole concept of error as sin, as a moral failing, is deeply ingrained in medicine, and it is very destructive. It means people cannot talk about it, because it is too painful."

William Richardson, Vorsitzender der Untersuchungskommission, vertritt die Auffassung, schon innerhalb der nächsten fünf Jahre ließe sich die Anzahl der Todesfälle um die Hälfte reduzieren, wenn diese Empfehlungen umgesetzt würden. Er ist überzeugt: "Es liegt in der Natur des Menschen, Fehler zu machen - aber es liegt auch in der Natur des Menschen, aus ihnen zu lernen."

Die Zahl der neuen Verfahren wegen ärztlicher Kunst-, Beratungs- oder Organisationsfehler in Deutschland beziffert der Marburger Bund inzwischen auf 30.000 pro Jahr. Das ist eine Verfünffachung innerhalb der letzten zehn Jahre. MEDI-Report wird dem ständig wachsenden Bedürfnis nach größerer Transparenz und juristischer Information, Beratung und Vertretung im Bereich der Heilkunde mit einem eigenen Bereich Medizinrecht entgegenkommen. Dies gilt sowohl für die Patientenseite als auch für die ärztlichen und psychotherapeutischen Leistungserbringer.