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10.01.2000 Virus-Grippe in Deutschland: Zahl der Fälle steigt langsam an - jetzt impfenMarburg/Hannover (dpa) - Mit dem Anstieg der Grippe-Fälle in Deutschland haben Experten vor allem chronisch kranke und ältere Menschen zur Impfung aufgerufen. "Die Zahl der Grippe-Erkrankungen hat sprunghaft zugenommen", sagte Adolf Windorfer vom Nationalen Referenzzentrums für Influenza in Hannover am Montag. Es sei noch nicht vorhersehbar, ob es zu einer Grippe-Epidemie kommen wird. Mediziner registrierten vielerorts allerdings zahlreiche Erkältungsfälle.
Es dauere rund zwei Wochen bis sich der Grippeschutz nach einer Impfung aufgebaut habe, sagte der Epidemiologe Helmut Uphoff von der Arbeitsgemeinschaft Influenza (AGI/Marburg). Insbesondere Menschen aus Risiko-Gruppen wie Herzkranke, Diabetiker, Asthmatiker, Menschen über 60 Jahre und solche mit vielen Kontakten zu anderen sollten die Impfung nutzen. Gisela Dahl von der Landesärztekammer Baden-Württemberg, riet Lehrern, Erziehern und medizinischem Pflegepersonal dazu. "Vor allem Bedienstete im Altenpflegebereich müssen sich impfen lassen", betont Dahl. "Sie gefährden sonst die alten Menschen im Heim."
Der Arzt muss Uphoff zufolge jedoch darauf achten, dass die Menschen vor der Impfung noch nicht infiziert sind. Die Zeit bis zum vollständigen Impfschutz könne mit dem Wirkstoff Amantadin überbrückt werden. Amantadin wirke gegen die Ausbreitung von Grippe-Viren im Atemtrakt.
Die meisten Grippe-Fälle gebe es in Süddeutschland, sagte Uphoff. Typische Anzeichen für eine Grippe sind plötzliches Auftreten von hohem Fieber, Kopf- und Muskelschmerzen sowie Husten.
Eine Möglichkeit, einer schweren Influenza-Infektion Paroli zu bieten, sieht Uphoff im Einsatz von neuen Grippe-Medikamenten. Seit vergangenen Jahr wird mit dem Mittel Relenza erstmals in Deutschland ein Spray verkauft, dass die Viren direkt bekämpft. Allerdings müsse es spätestens 48 Stunden nach Auftreten der erstem Symptome angewandt werden.
Antibiotika können dagegen bei Viren nichts ausrichten. Doch die schlagkräftigen Krankheitserreger führen meist noch Bakterien im Schlepptau. Die Mittel nützen gegen Bronchitis oder Lungenentzündung, wenn die Bakterien durch die vorgeschädigten Schleimhäute eingedrungen sind.
Großbritannien steht nach Angaben von Gesundheitsminister Alan Milburn die "schwerste Grippe-Epidemie seit zehn Jahren" bevor. Dieser Fall werde eintreten, wenn der Höhepunkt der gegenwärtigen Erkrankungswelle nicht bald erreicht werde, sagte Milburn am Montag im Unterhaus. Nach seinen Angaben hat sich die Zahl der Grippeerkrankungen im Januar im Vergleich zum Vormonat vervierfacht. Schätzungsweise seien pro 100 000 Einwohner etwa 300 von der Grippewelle betroffen. "Es dürfte kaum eine Familie im Land geben, die nicht betroffen ist", sagte der Minister.
Am Montag mussten Tausende von Operationen wegen der Grippewelle verschoben werden. In vielen der überlasteten Krankenhäuser operierten die Ärzte nur noch in Notfällen. Die britische Regierung geriet wegen der Krise des staatlichen Gesundheitssystems zunehmend in die Kritik. Experten bestritten, dass die Erkrankungen schon das Ausmaß einer Epidemie angenommen hätten, wie die Gesundheitsbehörden und die Regierung mitgeteilt hatten.
Nach Zeitungsberichten erliegen keineswegs nur alte Menschen der Grippe. Auch der 33 Jahre alte Kieron Gregrory, ehemaliges Mitglied der walisischen Rugby-Nationalmannschaft, gehört demnach zu den Opfern. Ärzte riefen alle Grippe-Patienten dazu auf, mit so wenig Leuten wie möglich in Kontakt zu kommen, damit sich das Virus nicht noch weiter verbreite.
Auch in Jugoslawien, der Schweiz und Nordspanien steigt die Zahl der Grippekranken täglich. In Tschechien sind zahlreiche Kliniken wegen Ansteckungsgefahr für Besucher geschlossen. In Israel hat der Gesundheitsminister angesichts überfüllter Krankenhäuser den "Notstand" ausgerufen. Viele der Erkrankten liegen laut Medienberichten auf den Gängen. Auch die Krankenhäuser der italienischen Städte Mailand, Florenz und Venedig sind überfüllt. In der Türkei hatten 39 000 Kinder in der vergangenen Woche auf Grund der Grippewelle schulfrei bekommen.
Eine Studie des Landesgesundheitsamts in Stuttgart vom Dezember hatte ergeben, dass in den alten Bundesländern nur 16 Prozent der Menschen gegen die Virusgrippe geimpft waren. In den neuen Bundesländern hingegen waren es 32 Prozent. "Der Hausarzt spielt eine Schlüsselrolle", sagte Iris Zöllner vom Landesgesundheitsamt. Wenn er es empfehle, ließen sich die Menschen impfen. |