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Florian Th. Davidis, Frauenarzt
in Stuttgart, 29.10.1999
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Beitrag zum MEDI-Forum

"Wo stehen wir ?"

Zur Zeit gibt es ja wieder eine Neuauflage des "Innerärztlichen Krieges": unter allerdings erweiterten Vorzeichen, wobei vorauszuschicken ist, dass erneut (wie immer) gewisse Partikularinteressen lauthals vor das vernünftige Denken gestellt werden ! GenoGyn-GenoMed gegen MLD; MEDI-X gegen genossenschaftliche Initiative. Netzkrieg ? Kampf um Vormacht ? Glaubenskrieg ? Überlebenskampf ? Wer geht hier eigentlich gegen wen vor ? Indoktrinierte gegen Antithetiker ?? Blinde gegen Blindgänger ? Kälber gegen ihren Metzger ?

Egal wie - ein Mangel an rationeller/rationaler Denk- und Handlungsweise offenbart sich hier in für mein Gefühl erschreckender Weise ! Um was geht es ? Ängste ? Welche Ängste: Zukunftsängste ? KV-Untergangsängste ? Kassen-Einkaufsängste ? Selbstständigkeitsängste ? Verantwortungsängste ? Verarmungs-Ängste ? Hier lassen sich so viele Fassetten finden, wie Menschen hinter demjenigen stehen, was diese Ängste zum Ausdruck bringt.

Liebe Freunde: wir sind bereits viel weiter, als wir uns aufgrund unseres Höhlenbewusstseins (siehe hier Höhlengleichnis von Plato) überhaupt vorstellen können. Kassenwirtschaftliches und euro-politisches Kalkül haben die Fäden schon gesponnen und ausgelegt - noch nicht gespannt. Sie gehen davon aus, dass die Betroffenen in panischer Suche nach dem Ausgang sich verfangen und wie immer die "gewachsenen Strukturen" durch ausreichendes Spannen und Verfilzen der Fäden herstellen: dann braucht wenigstens keiner der Verantwortlichen die Verantwortung für das "festgezurrte Paket" zu übernehmen. Hierbei ist es gleichgültig ob sog. Gesundheitspolitiker oder Arztfunktionäre den Ausschlag gegeben haben. Namen sind beliebig austauschbar - professioneller Betrachtung stellt sich der Mechanismus rezidivierend gleich und begründet dar, man nennt es historische Entwicklung - der "Grosse Steuermann" hält sich bedeckt und bestimmt weiterhin den Kurs.

Ich meine nicht einen Deus ex machina, nein WIR sind es selbst - das lässt allerdings die Grundfesten erschüttern ! Wer bleibt bei diesem Gedanken ruhig ? Wir sind nicht gewohnt enttarnt zu werden, wir suchen uns Rollen, setzen uns janusköpfige Masken auf und tun alles, um unsere wahren Beweggründe nicht offenbaren zu müssen - na gut: Sie vielleicht, aber ich nicht - oder ? Folgt nicht diese Entgegnung sofort ? Versteckspiel hinter Statistiken, hinter wissenschaftlichen Erkenntnissen, on dit´s und anderen Wolken. Jetzt kommen wir ans Eingemachte: Die Besinnung auf uns selbst ist gefragt, auf unsere Rolle als Mensch im Arzt, als Wissender, Teilnehmender, Helfender, Begleitender, Partner. Probleme gibt es durch gesellschaftliche Strukturen, "Neidgesellschaft", "Enteignungsgesellschaft" - soll uns das irritieren ? Es tut es, wenn wir anders zu scheinen versuchen, als wir sind. Könnten wir einfach sein, was wir als Menschen sind und als Arzt wollen, stünden wir fassungslos vor den Scherben, die wir selber rechthaberisch erzeugten ! Im Zentrum unserer Intention steht der Hilfesuchende, ihm sind wir verantwortlich, mit ihm schließen wir einen Behandlungsvertrag, er zahlt für unsere Leistung - und rechnet nach vertraglichen Vorgaben selber mit seiner Kasse ab. Oder kann er das nicht ? Hält ihn da jemand für unfähig, unmündig ? Muss man ihm die Selbstverantwortung nehmen, weil er unter dem Begriff "Leidender" firmiert ?

Freiheit im Gesundheitswesen ! Weg mit verdeckten Geldflüssen ! Weg mit Mauscheleien ! Weg mit der Chipkarte ! Fast alle Chipkarten laufen mit Ende 1999 aus - ist das nicht die beste Gelegenheit das Gesundheitssystem 2000 gleich RICHTIG zu reformieren ? Wo stehen wir ? Im Dickicht neolinguistischer Verwirrungen und positivisierender Hinterhältigkeiten, die subtil hell in dunkel, rot in grün, schwarz in weiß und Fehlleistung in Allgemeingut verdrehen ! Glauben Sie nicht ? Einige Beispiele aus dem Gesundheitswesen:

"Positivliste" mit "ausreichend" Medikamenten - sollte man lesen: Positiv - für wen ? Nicht für den Patienten denn der muss sich an "ausreichend" - Schulnote 4, direkt vor mangelhaft - Medikamenten erfreuen. Die "Kur" wird abgeschafft: nein, natürlich nicht ! Sie wird "aufgewertet" und läuft zukünftig unter "medizinischer Vorsorgeleistung" - seltsam, dass es so ruhig blieb am Ort der Ankündigung dieses Bonbons durch die Frau Ministerin. Klar ist doch: "Vorsorgeleistungen" sind keine Krankheitsleistungen" und daher nicht von Krankenkassen zu erstatten - logisch !

Ach - und den Arzt gibt es auch nicht mehr, er heißt neolinguistisch im Controllerdeutsch korrekt: Leistungserbringer und Folgekostenverursacher (dass seine Liquidierung gefordert wird ist logisch, rechtfertigt der Controller sein Dasein und sein hohes Einkommen durch hohe Einsparungen - Sana-Geschädigte wissen, was ich meine).

Patienten ? Gibt es auch nicht mehr, es sind Kostenfaktoren, VN`s, Lastenfaktoren der GKV, Unterdeckungsverursacher, die unberechtigte Ansprüche geltend machen und unberechtigte Leistungen abfordern, ständig den Leistungserbringer wechseln und so das Sozialsystem destabilisieren - kein Wunder also, dass man ihr sozialverträgliches Ableben zu fördern vorrangig betreiben muss. Sie sind ja gläsern, man findet leicht ihre Schwachstellen: z.B. die Osteoporose bei Frauen, die einzig und allein durch eine passende, individuell abgestimmte Hormonsubstitution verhindert werden kann, für deren öffentliche Darstellung zur Gefahrenbewusstseinsmobilisierung in Werbefeldzüge investiert wird. Um hinterher ganz klar zu stellen, dass nur 5 Jahre HRT medizinisch vertretbar sind - die tumben Ärzte, die wieder nicht verstanden haben, dass was medizinisch wichtig ist, immer ausreichend bezahlt wird - aber bitte nicht mehr als 5 Jahre. Ärzte zocken ja nur ab - Frauen sollten so natürlich altern dürfen. Wie im Mittelalter ??

Ach oder einfacher, werfen wir doch den gläsernen Patienten einfach in die Glastonne zum - Recyceln !!! Oder der Arzt - auch gläsern, begibt sich freiwillig in das Hamsterrad, selbstlos seine Lebenszeit verkürzend sich im Drehtürhecheln sportliche Meriten erwerbend, Pünktchen abzockend - möglichst noch im Selbstkampf unterliegend, nur um nie die Frage zu stellen: wo bleibt die "Gläserne Kasse" ??? Bilanzen ? Konkurrenzkampf ? Schuldenberge ? Der ärztliche Samariter leidet mit und erhöht seine Patientenignorierfrequenz zum Unerträglichen, bis alle vom Karussell fliegen, er hechelnd auf der Strecke bleibt, einkaufsmodellgeködert wird, um nach 3 Jahren zu hören: entweder Hungerlohn oder Rübe ab. Oder wussten Sie nicht, dass der § 140 nur auf 3 Jahre befristet ist ? Wir stehen nun schon in der Höhle vor der Schattenwand und versuchen noch die Verdunkelungsmasken zu erhaschen, die uns zugeworfen werden, angepriesen als Rettungsringe - ist das wirklich schon so weit ? Offenbar schon, denn man beginnt schon damit, virtuelle Rettungsboote zu konstruieren, sich um die Sitzplätze streitend, die noch nicht einmal existieren. Stell Dir vor, alle sitzen in den Rettungsbooten und das Schiff geht nicht unter ... Es wird sich dann schon ein Schuldiger finden lassen.

Was können wir tun ? Nicht alles immer glauben ! Es heißt nicht Credo ergo sum, sondern: Cogito ergo sum !! Aber verübeln kann man uns das ja nicht: Das Helfen ist unser Lebensinhalt: leidet der Bauherrenmodellverkäufer ordentlich unter der Last seiner nicht verkauften Anteile, eilen wir rettend hinzu und erlösen ihn ! Der Telefonakquisiteur jammert seine schönen Aktien aus - und schwupp wird er erlöst. Krankenkassen in den roten Zahlen: die armen, helfen wir ihnen - und vernachlässigen unsere Patienten ??? Der Lohn ist gut, 3 Pfennig mehr pro Punkt: 3.000,-- DM mehr in 3 Monaten in der Kasse, dafür die Patienten verkaufen, dann der § 140 für 3 Jahre, und danach der Orkus...

Nicht Glauben - Denken hatten wir gesagt: Warum stecken die Kassen in roten Zahlen ? Weil sie Angst haben, die Krankenhausfinanzierung übernehmen zu müssen, die Geschichte vom nackten Mann ohne Taschen zieht immer. Oder glauben Sie Bilanzen sind nur auf eine einzige Art zu erstellen und zu lesen ? Ein Beispiel - wie es im Geschäftsleben jedes Industrieunternehmens Gang und Gäbe ist: Die Schalterhalle ist veraltet, es muss ein Empfangszentrum her: Wie viel darf es kosten ? 1% vom Umsatz ? 0,5 % ? 1 Mio. reicht, es wird erträglich gestaltet, die Kosten werden auf die Kunden umgelegt: bei 10.000 Kunden trifft es den Einzelnen nur mit 100 DM. Patientenbezogene - Entschuldigung - kundenbezogene Kosten, bilanztechnisch klar wie Kloßbrühe. Umbaukosten entstehen da nicht, nach einem Umzug in neue Domizile nur Portokosten. Man muss ja mitteilen, wo die Kunden künftig hin müssen.

Ruf nach Abschaffen untragbarer Zustände ? Wen soll man in der Wüste schon anrufen ??? Außerdem, es ist ja nur ein Modell, honi soit qui mal y pense... Politische Wege ? Gute Idee, an wen kann man sich wenden ? An Parteien ? An Träger ? An Megaphone ? Was machen die denn ? Reden, reden, verstärken, reden... Sollten wir einfach auch mal üben... Also wieder: Cogito, aber nicht einfach schweigen, sondern Reden. Mit Menschen reden, erzählen, empfehlen. So wie wir es tagtäglich tun. Wir können das gut ! Wir haben das Vertrauen der Menschen ! Sie hören auf uns ! Politikmüdigkeit breitet sich aus ! Haben Sie schon mal was von Gesundheitsmüdigkeit gehört ? Ich nicht. Ach - übrigens - glauben Sie, dass die Partei der derzeitigen Gesundheitsministerin, der Vertrauensabbauministerin, der Neolinguistikexpertin, diese Schlappen ohne intensive Arbeit gewisser Vertrauensträger einstecken musste ? Fügung Gottes ? Dies gilt eher für "christliche" Parteien, Gott ist doch kein Sozi ! Egal, wie reformistische Reformen reformieren, sie streuen Sand - viel Sand in alle Augen. Rat: Augen schließen und durch. Sollen die Streuer doch in ihren Sandburgen ersticken.

Unser Slogan sollte sein: Erst denken, dann handeln. Und unser EBM ist einzig und allein: Evidence Based Medicine ! Wir arbeiten nicht zum Wohle der Kassen oder Politiker - wir arbeiten zum Wohle der Patienten !! Nieder mit Drehtür, Pünktchen, HVM und Co. KG. Zukünftig wird unser Handeln nur noch bestimmt sein durch unsere Patienten !

Wer sind wir ? Die Restärzte.

 

© 1999 Redaktion MEDI-Report.
Wiedergabe auf medi-report.de mit freundlicher Genehmigung von Florian Th. Davidis.